Modul 4 · Block A: Simultane Spiele

Die Klassiker der Spieltheorie

Nicht jeder Konflikt ist ein Gefangenendilemma. Manche Spiele haben zwei stabile Lösungen, und die spannende Frage ist, welche sich durchsetzt. In diesem Modul lernst du die grossen Grundmuster strategischer Konflikte kennen. Wer sie erkennt, sieht auf einen Blick, ob Kooperation möglich ist, ob jemand nachgeben muss oder ob Chaos droht.

Lernziele
  • Die vier Archetypen (Dilemma, Anti-Koordination, Koordination, Nullsumme) erkennen
  • Spiele mit mehreren Nash-Gleichgewichten interpretieren
  • Focal Points und Konventionen als Lösungsmechanismen erklären

4.1Experiment: Wer weicht aus?

Dieses Modul beginnt mit einer Mutprobe, die in den USA der 1950er-Jahre traurige Berühmtheit erlangte. Kinofilme jener Zeit machten sie weltbekannt. Zwei Jugendliche rasen in ihren Autos frontal aufeinander zu. Wer zuerst ausweicht, hat verloren: Er ist das «Chicken» (englisch für Feigling) und wird vor versammelter Clique ausgelacht. Wer stur auf Kurs bleibt, gilt als Held. Nur: Bleiben beide stur, endet die Mutprobe im Blechhaufen, und dieser Preis ist um ein Vielfaches höher als jede Blamage.

Diese Situation spielst du jetzt durch. Du fährst das blaue Auto; dein Gegenüber entscheidet gleichzeitig mit dir. Pro Duell hast du zwei Möglichkeiten: ausweichen oder Kurs halten. Weicht der andere aus, während du auf Kurs bleibst, steigt dein Ansehen um einen Punkt. Weichst du selbst aus, sinkt es um einen Punkt. Weichen beide aus, passiert nichts. Krachen aber beide ineinander, kostet das zehn Punkte auf einen Schlag – und die Serie ist vorbei. Sammle in mehreren Duellen so viel Ansehen wie möglich.

Experiment
0
Dein Ansehen
0
Duelle
Beide Motoren heulen auf. Was tust du?

4.2Die vier Archetypen

So verschieden Konflikte im Alltag aussehen, ihre Anreizstruktur folgt sehr oft einem von vier Grundmustern. Das ist die eigentliche Superkraft der Spieltheorie: Wer das Muster erkennt, weiss sofort, wo das Problem liegt und welche Art von Lösung überhaupt in Frage kommt.

Archetyp Kern des Konflikts Beispiel
1. Dilemma Individuell rational, gemeinsam schlecht – die dominante Strategie schadet allen Gefangenendilemma (Modul 2)
2. Anti-Koordination Bloss nicht dasselbe tun wie der andere – einer muss nachgeben Chicken Game
3. Koordination Unbedingt dasselbe tun wie der andere – die Abstimmung ist das Problem Strassenseite, Treffpunkt, Hirschjagd, Kampf der Geschlechter
4. Nullsumme Dein Gewinn ist mein Verlust – Kooperation ist unmöglich Elfmeter, Schere-Stein-Papier (Modul 5)

Das Gefangenendilemma hast du in Modul 2 kennengelernt; die Nullsummenspiele werden in Modul 5 behandelt. Dieses Modul konzentriert sich auf die beiden mittleren Archetypen, die Anti-Koordinations- und die Koordinationsspiele. Beide besitzen mehrere Nash-Gleichgewichte, und damit stellt sich eine neue Frage, die es im Dilemma nicht gab: Welches der stabilen Ergebnisse setzt sich durch?

4.3Das Chicken Game: Anti-Koordination

Erinnern wir uns an das Chicken Game aus Kapitel 4.1, bei welchem man ein wenig Ansehen verliert, wenn man ausweicht (−1 gegenüber +1 für den Sieger); der Zusammenstoss ist dagegen für beide Autofahrer eine Katastrophe und endet in einem teuren Totalschaden (−10). Die Matrix sieht somit wie folgt aus:

Abbildung 1 – Das Chicken Game.

Wende gedanklich die Kringel-Methode aus Modul 3 an: Es gibt zwei Nash-Gleichgewichte, nämlich die beiden Felder, in denen genau einer ausweicht (−1/+1 und +1/−1). Beide sind stabil. Wer schon weiss, dass der andere stur bleibt, weicht lieber aus (−1 ist besser als −10), und wer weiss, dass der andere ausweicht, bleibt stur (+1 ist besser als 0). Aber die Gleichgewichte sind asymmetrisch: In jedem gewinnt einer und verliert einer. Das Spiel sagt nicht, wer.

Was entscheidet dann? Erwartungen, Signale und vor allem Glaubwürdigkeit. Wer den Gegner überzeugen kann, unter keinen Umständen auszuweichen, zwingt ihn rational zum Nachgeben. Die Radikallösung: das eigene Lenkrad demonstrativ aus dem Fenster werfen. Klingt verrückt, ist aber ein zentrales strategisches Prinzip. In Modul 8 widmen wir ihm ein ganzes Kapitel. Die Struktur des Chicken Game findet sich übrigens überall dort, wo zwei Seiten mit dem Äussersten drohen und hoffen, dass die andere zuerst zuckt: in Tarifkonflikten, Budgetstreits, internationalen Krisen und in der Biologie, wenn Tiere in Revierkämpfen drohen statt zu kämpfen.

FallstudieDie Kubakrise 1962 – Chicken am Abgrund

Zum Hintergrund: Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sich fast ein halbes Jahrhundert lang zwei Supermächte unversöhnlich gegenüber: die USA und die kommunistische Sowjetunion, deren Kern das heutige Russland war. Man nennt diese Zeit den Kalten Krieg, weil die beiden nie direkt aufeinander schossen: Beide besassen so viele Atomwaffen, dass ein offener Krieg beide Seiten vernichtet hätte. Gerungen wurde stattdessen mit Wettrüsten, Stellvertreterkriegen und dem Kampf um Einflusszonen. Zu diesen Einflusszonen gehörte seit 1959 auch Kuba: Auf der Karibikinsel direkt vor der Haustür der USA hatte Fidel Castro die Revolution gewonnen und sich mit Moskau verbündet.

Im Oktober 1962 entdeckten amerikanische Aufklärungsflugzeuge auf Kuba Abschussrampen für sowjetische Atomraketen – im Bau, nur rund 150 Kilometer vor der Küste Floridas. Von dort hätten die Raketen amerikanische Grossstädte innert Minuten erreicht, praktisch ohne Vorwarnzeit. Dreizehn Tage lang stand die Welt am Rand des Atomkriegs, und US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow steckten in einem Chicken Game in Reinform: Wer nachgibt, verliert Prestige und strategische Position; geben beide nicht nach, droht die Katastrophe, gegen die jeder Prestigeverlust bedeutungslos ist.

Schwarzweisse Luftaufnahme mit beschrifteten Raketenstellungen im Wald.
Der Beweis. Luftaufnahme eines U-2-Aufklärungsflugzeugs vom 14. Oktober 1962: Abschussstellung für Mittelstreckenraketen bei San Cristóbal, Kuba. Foto: U.S. National Archives, Werk der US-Regierung, gemeinfrei.

Aufschlussreich ist, wie die Beteiligten das Spiel spielten. Kennedys Militärberater forderten mehrheitlich einen Luftangriff auf die Raketenstellungen – volle Konfrontation mit dem Risiko eines sowjetischen Gegenschlags. Kennedy wählte stattdessen die Seeblockade («Quarantäne»): Kriegsschiffe stoppten die sowjetischen Frachter vor Kuba – Druck also, der dem Gegner Zeit und Raum zum Ausweichen liess. Die Auflösung bestand aus einem doppelten Ausweichmanöver mit Gesichtswahrung: Öffentlich zog Chruschtschow die Raketen ab und erhielt dafür das Versprechen der USA, Kuba nicht anzugreifen; geheim sagte Kennedy zusätzlich zu, amerikanische Raketen aus der Türkei abzuziehen – sie standen quasi vor der sowjetischen Haustür. So konnten beide zu Hause erklären, nicht «das Chicken» gewesen zu sein.

Die spieltheoretischen Lehren: In einem Chicken Game mit existenziellen Einsätzen gewinnt nicht, wer am härtesten wirkt, sondern wer dem Gegner eine goldene Brücke baut, einen Ausweg ohne Gesichtsverlust, und wer die Eskalation dosieren kann, statt nur «alles oder nichts» zu haben. Nach der Krise richteten beide Seiten den «heissen Draht» ein, eine direkte Verbindung zwischen Washington und Moskau: Kommunikation als Absturzsicherung. Wie man Drohungen in solchen Lagen glaubwürdig macht, ohne die Kontrolle zu verlieren, vertieft Modul 8.

SeitenblickBiologie: Taube und Falke – Chicken im Tierreich

Warum enden Revierkämpfe im Tierreich meist mit Drohgebärden statt mit Blutvergiessen? Die Evolutionsbiologie beantwortet diese Frage mit einem Modell, das Konflikte um Ressourcen wie Reviere, Nahrung oder Paarungspartner auf zwei Verhaltenstypen reduziert: Falken eskalieren jeden Konflikt, Tauben begnügen sich mit Drohen und ziehen sich zurück, sobald es ernst wird. Damit sind drei Begegnungen möglich. Trifft ein Falke auf eine Taube, gewinnt er kampflos. Treffen zwei Tauben aufeinander, teilen sie die Ressource nach kurzem Imponiergehabe unter sich auf. Treffen jedoch zwei Falken aufeinander, kommt es zum Kampf, und dessen Verletzungsrisiko kann den Wert der umkämpften Ressource weit übersteigen. Diese Struktur kennst du aus diesem Kapitel: Es ist das Chicken Game.

Interessant ist nun, wie die Evolution dieses Spiel «löst»: Keiner der beiden Typen setzt sich vollständig durch. In einer Population voller Tauben haben Falken leichtes Spiel. Sie gewinnen jeden Konflikt kampflos und vermehren sich entsprechend. Je zahlreicher die Falken aber werden, desto häufiger geraten sie in die teuren Kämpfe untereinander, und ihr Vorteil schwindet wieder. So pendelt sich mit der Zeit eine stabile Mischung beider Verhaltenstypen ein – das biologische Gegenstück zum gemischten Gleichgewicht, das dir in Modul 5 begegnet. Und weil Kämpfe für alle Beteiligten teuer sind, hat sich ritualisiertes Drohen bewährt: das Röhren der Hirsche, das Brustklopfen der Gorillas, der aufgestellte Buckel und das Fauchen der Katze, giftig-grelle Warnfarben, Scheinangriffe.

4.4Reine Koordination: Hauptsache dasselbe

Stell dir vor, du mietest in den Sommerferien in Australien ein Auto und fragst dich: Fährt man hier rechts oder links? Das Bemerkenswerte an dieser Frage ist, dass keine der beiden Seiten für sich genommen besser wäre – entscheidend ist allein, dass alle dasselbe tun. Fahren alle Fahrer rechts, funktioniert der Verkehr; fahren alle links (wie in Australien üblich), funktioniert er genauso gut. Gefährlich wird es erst, wenn sich die Fahrer unterschiedlich entscheiden und einige links fahren, während andere rechts fahren. Diese Struktur zeigt sich deutlich im untenstehenden Spiel: Die beiden Nash-Gleichgewichte liegen dort, wo sich beide Autofahrer für dieselbe Seite entschieden haben, also (Links/Links) und (Rechts/Rechts).

Abbildung 2 – Reine Koordination: das Strassenseiten-Spiel.

Anders als im Chicken Game sind die beiden Gleichgewichte hier völlig gleichwertig: Keiner der beiden Spieler bevorzugt das eine gegenüber dem anderen. Es gibt keinen Interessenkonflikt, nur ein Abstimmungsproblem. Die Gefahr ist nicht Egoismus, sondern das Missverständnis.

Wie lösen Menschen solche Abstimmungsprobleme? Am häufigsten durch Konventionen, also durch Gesetze, Normen und Gewohnheiten, die eines der gleichwertigen Ergebnisse für alle verbindlich machen. Die Regel «In der Schweiz fährt man rechts» ist nichts anderes als ein gesellschaftlich fixiertes Nash-Gleichgewicht. Wo keine solche Regel existiert, helfen sogenannte Focal Points (nach Thomas Schelling auch Schelling-Punkte). Damit sind Lösungen gemeint, die aus irgendeinem Grund «natürlich» hervorstechen, sodass mehrere Menschen unabhängig voneinander auf sie tippen. Ein Beispiel: Du willst eine Freundin morgen in Zürich treffen, aber ihr habt weder Ort noch Zeit abgemacht. Vermutlich steht ihr beide um 12 Uhr mittags am Hauptbahnhof, nicht weil das objektiv der beste Treffpunkt wäre, sondern weil jede von euch erwartet, dass die andere genau das erwartet.

Merke

Haben Spiele mehrere gleichwertige Gleichgewichte, entscheidet nicht die Mathematik, welches sich einstellt, sondern gemeinsame Erwartungen, geformt durch Konventionen, Normen und Focal Points.

VertiefungRousseaus Hirschjagd – Koordination mit Risiko

Der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) beschreibt 1755 in seinem «Diskurs über die Ungleichheit» eine Jagd: Mehrere Jäger umstellen einen Hirsch. Gelingt es, haben alle reichlich Fleisch, aber nur, wenn jeder treu auf seinem Posten bleibt. Läuft einem von ihnen ein Hase über den Weg, jagt er ihm nach, ohne lange zu zögern. Er hat dann seinen Hasen, und der Hirsch entkommt den anderen.

Gemälde einer höfischen Jagd: Hirsche schwimmen durch einen Fluss, am Ufer warten Jäger mit Armbrüsten, im Hintergrund ein Schloss.
Gemeinsam auf den Hirsch. Lucas Cranach d. Ä., «Hirschjagd bei Schloss Hartenfels», 1540. Höflinge und Hunde treiben die Hirsche über den Fluss, wo der Kurfürst mit der Armbrust wartet. Eine solche Jagd gelingt nur, wenn alle ihren Posten halten. Bild: The Cleveland Museum of Art, John L. Severance Fund, CC0.
Die Hirschjagd als Matrix. Grün: das Gleichgewicht, das beide vorziehen. Gelb: das sichere Gleichgewicht.

Wie beim Strassenseiten-Spiel gibt es zwei Nash-Gleichgewichte: (Hirsch, Hirsch) und (Hase, Hase). Diesmal sind sie aber nicht gleichwertig. Den Hirsch ziehen beide vor. Er ist jedoch riskant: Wer auf den Hirsch setzt und allein bleibt, geht leer aus. Der Hase dagegen bringt dir sicher 3, egal was der andere tut.

Rechne nach: Bleibt dein Partner mit der Wahrscheinlichkeit p beim Hirsch, bringt dir der Hirsch im Schnitt 4·p, der Hase sicher 3. Der Hirsch lohnt sich also erst, wenn du zu mehr als drei Vierteln darauf vertraust, dass der andere mitzieht.

Das Problem ist hier nicht Egoismus wie im Gefangenendilemma, denn beide wollen den Hirsch. Das Problem ist Vertrauen. Wer zweifelt, ob die anderen mitziehen, wählt vernünftigerweise den Hasen, und der Zweifel bestätigt sich selbst. Dasselbe Muster steckt in einem Bankensturm: Lassen alle ihr Geld auf der Bank, ist sie sicher. Glaubst du, dass die anderen ihr Geld abheben, hebst du besser selbst zuerst ab.

Mehr dazu: Hirschjagd (Wikipedia).

SeitenblickMusik: Der Kammerton a′ = 440 Hz – ein gelöstes Koordinationsspiel

Bevor ein Orchester spielt, passiert etwas Unscheinbares: Die Oboe gibt einen einzigen Ton, und alle stimmen darauf ein. Dieser Referenzton, das «eingestrichene a» oder der Kammerton, legt fest, wie hoch alle anderen Töne liegen. Und welche Frequenz dieser Ton hat, ist im Kern egal: Ob a′ mit 435 oder 440 Schwingungen pro Sekunde (Hertz) klingt, hört kaum jemand absolut. Entscheidend ist nur, dass alle dieselbe Frequenz verwenden, sonst klingt das Zusammenspiel schief und kein Blasinstrument passt zum Klavier.

Erkennst du die Struktur? Es ist das Strassenseiten-Spiel dieses Kapitels, nur in Schwingungen: viele gleichwertige Gleichgewichte, null Interessenkonflikt, reines Abstimmungsproblem. Und die Geschichte verlief so, wie die Theorie es erwarten lässt: Jahrhundertelang stimmte jede Stadt anders (in Barockzeiten lagen Orchester teils einen Halbton auseinander!), Instrumentenbauer und reisende Musiker litten. 1939 einigte sich eine internationale Konferenz in London auf a′ = 440 Hz; heute ist der Wert als ISO-Norm 16 festgeschrieben – eine Konvention, die das Koordinationsspiel ein für alle Mal löst.

Hübsches Detail am Rand: Viele Berufsorchester stimmen intern auf 442 oder 443 Hz – minim höher klingt eine Spur brillanter. Das funktioniert, weil innerhalb des Orchesters wieder alle dieselbe lokale Konvention teilen. Focal Points können geschachtelt sein: eine Weltnorm für den Instrumentenbau, eine Hausnorm für den Konzertabend.

4.5Kampf der Geschlechter: Koordination mit Konflikt

Zum letzten Archetyp dieses Moduls gehört eine kleine Geschichte, die in der Spieltheorie Tradition hat. Romeo und Julia freuen sich seit Tagen auf den heutigen Abend. Hauptsache gemeinsam – alles andere zählt für die beiden nicht. Nur über das Wohin sind sie sich nicht einig geworden: Romeo schwärmt vom Spitzenspiel im Fussballstadion, Julia von der Premiere in der Oper. Am Nachmittag trennen sich ihre Wege, und dann das Missgeschick: Beide Handy-Akkus sind leer, eine Absprache ist nicht mehr möglich. So müssen sich beide unabhängig voneinander entscheiden, wohin sie am Abend gehen – im Wissen, dass die andere Person gerade vor genau derselben Wahl steht.

Übersetzen wir die Lage in Auszahlungen. Verpassen sich die beiden, ist der Abend für beide verloren: 0 Punkte, egal an welchem Ort. Treffen sie sich im Stadion, ist Romeo rundum glücklich (2 Punkte), während Julia sich immerhin über den gemeinsamen Abend freut (1 Punkt). Treffen sie sich in der Oper, ist es genau umgekehrt. Als Matrix sieht das so aus:

Abbildung 3 – Kampf der Geschlechter (Battle of the Sexes).

Auf den ersten Blick ähnelt die Struktur der reinen Koordination: Wieder liegen zwei Gleichgewichte auf der Diagonale, und wieder ist getrennt alles wertlos. Neu ist der Verteilungskonflikt, weil Romeo das Gleichgewicht Fussball/Fussball bevorzugt und Julia lieber in die Oper gehen würde (Oper/Oper). Beide wollen also unbedingt koordinieren, aber jeder möchte es zu den eigenen Bedingungen tun. Das Problem ist damit nicht mehr nur, sich zu finden, sondern auch, wo man sich findet.

Diese Struktur prägt Verhandlungen aller Art. Zwei Firmen wollen einen gemeinsamen Industriestandard, weil er für beide besser wäre als zwei inkompatible Systeme, aber jede möchte den eigenen durchsetzen. Zwei Koalitionspartner wollen miteinander regieren, aber jeder mit dem eigenen Programm. Im Alltag lösen soziale Mechanismen solche Konflikte: Man wechselt sich ab, beruft sich auf Fairnessnormen oder schnürt Kompromisspakete.

Daneben gibt es noch eine ganz andere Strategie: Wer sich zuerst festlegt, schafft vollendete Tatsachen. Hätte Romeo bereits am Mittag zwei Fussballtickets gekauft und sie Julia demonstrativ gezeigt, wäre ihre Entscheidung am Abend keine freie Wahl mehr gewesen. Unter diesen Umständen müsste sie mit ihm ins Stadion gehen, denn ein Abend mit Romeo im Fussballstadion (1 Punkt) ist besser als ein Abend alleine in der Oper (0 Punkte).

FallstudieStandard-Kriege – vom Handy-Ladekabel zur E-Auto-Ladesäule

Ein Standard-Krieg steckt in deiner Hosentasche. Jahrelang luden iPhones mit Apples eigenem Lightning-Stecker, während fast alle anderen Geräte längst USB-C verwendeten. Für die Nutzerinnen und Nutzer wäre ein einziger Standard klar besser gewesen; Apple aber verdiente an jedem lizenzierten Lightning-Kabel mit und hatte deshalb wenig Grund nachzugeben. Damit trägt der Streit die Struktur des Kampfs der Geschlechter: Alle profitieren von einem gemeinsamen Stecker (Koordination), doch jeder Hersteller möchte, dass es der eigene ist (Verteilungskonflikt). Beendet hat ihn schliesslich der Gesetzgeber: Die EU erklärte USB-C per Richtlinie zum Pflichtanschluss für Mobilgeräte, und Apple stellte das iPhone 2023 um. So wurde ein Focal Point per Gesetz gesetzt.

Die grösste Neuauflage läuft zurzeit an den Ladesäulen für Elektroautos. Lange existierten drei Steckerwelten nebeneinander: der europäische CCS-Standard, das japanische CHAdeMO-System und Teslas eigener Anschluss mit dem exklusiven Supercharger-Netz. Für die Fahrerinnen und Fahrer ist das die schlechteste aller Welten: Jede Säule, die nicht zum eigenen Auto passt, ist wertlos, und umgekehrt macht jede zusätzliche kompatible Säule jedes Auto wertvoller (ein sogenannter Netzwerkeffekt). Trotzdem kämpfte jeder Hersteller für seinen Stecker. Denn wer den Standard kontrolliert, kontrolliert das Laden.

Aufgelöst wurde das Spiel auf den beiden Seiten des Atlantiks unterschiedlich – mit den zwei Mechanismen aus diesem Kapitel. Europa wählte die Konvention per Gesetz: An öffentlichen Schnellladesäulen ist CCS Pflicht; selbst Tesla baute seine Autos für Europa auf CCS um, und CHAdeMO verschwindet allmählich. In Nordamerika kippte stattdessen der Markt: Tesla öffnete Ende 2022 seinen Stecker samt dem grössten und zuverlässigsten Ladenetz für die Konkurrenz. 2023 kündigten Ford und General Motors den Wechsel an, danach fast alle grossen Hersteller; aus Teslas Hausanschluss wurde ein offizieller Industriestandard.

Die Lehre: Bei Koordination mit Verteilungskonflikt gewinnt, wer die Erwartungen steuert. Das kann wie im Falle der Ladesäulen in Europa per Gesetz erfolgen oder durch den ersten Zug wie im Falle von Tesla. Die Verliererseite zahlt doppelt: Tausende CHAdeMO-Säulen wurden zu Investitionsruinen. Deshalb setzt sich die Industrie heute oft schon vorher an einen Tisch und einigt sich in Normierungsgremien.

SeitenblickPolitik: Die Zauberformel – ein Focal Point im Bundeshaus

Der Bundesrat hat sieben Sitze, und die Bundesversammlung wählt ihn neu. Wie sich die Sitze auf die Parteien verteilen, steht in keinem Gesetz. Theoretisch könnte die Mehrheit im Parlament also bei jeder Wahl eine ganz andere Regierung bilden. Das wäre ein Spiel mit vielen Gleichgewichten, in dem jede Partei eine andere Verteilung vorzieht: der Kampf der Geschlechter mit vier Spielern.

1959 einigten sich die grossen Parteien auf eine Verteilung, die bald «Zauberformel» hiess: je zwei Sitze für FDP, CVP und SP, einen für die SVP (damals noch BGB). Sie entsprach ungefähr den Wähleranteilen und war einfach zu merken: 2-2-2-1. Damit wurde sie zum Focal Point. Jede Partei konnte erwarten, dass die anderen sich daran halten, und hätte bei einem Ausscheren riskiert, selbst Sitze zu verlieren. 44 Jahre lang hielt die Konvention.

Konventionen halten aber nur, solange sie zu den Kräfteverhältnissen passen. Als die SVP zur wählerstärksten Partei aufstieg, verlangte sie einen zweiten Sitz. 2003 erhielt sie ihn auf Kosten der CVP. Nach Umbrüchen in den Jahren 2007 und 2008 gilt seit 2015 wieder eine 2-2-2-1-Verteilung, nun mit SVP, FDP und SP je zweimal und der Mitte einmal. Die Zahlen haben sich verschoben, der Focal Point ist geblieben.

4.6Selbsttest

Aufgabe 1 · Focal Point

Du hast mit einem Kollegen abgemacht, dich morgen «in Bern» zu treffen. Mehr wurde nicht vereinbart, und ihr könnt euch nicht mehr erreichen. Was ist die spieltheoretisch klügste Wahl?

Aufgabe 2 · Der Archetyp-Trainer (Zufallsspiele)

Unbegrenztes Training: Der Generator würfelt ein 2×2-Spiel mit zufälligen Zahlen, du bestimmst den Archetyp. Tipp: Suche zuerst die stabilen Felder (Kringel-Logik im Kopf) und schau, wo sie liegen. Schaffst du eine Serie von drei richtigen Antworten, gilt die Aufgabe als gelöst.

Serie: 0 richtig in Folge

Zum Weiterdenken

Drei offene Fragen für den Transfer. Erst selbst überlegen, dann die Musterlösung aufklappen.

1 · Deine Klasse organisiert sich seit Jahren über dieselbe Chat-App. Eine neue App wäre klar besser, und fast alle fänden einen Wechsel gut; trotzdem passiert nichts. Erkläre das mit den Begriffen dieses Moduls. Wie könnte der Wechsel gelingen?

Ein Koordinationsspiel mit Netzwerkeffekt: Der Wert der App hängt davon ab, wie viele sie nutzen. Wer allein wechselt, steht in einer leeren App; also bleibt jeder, und das alte Gleichgewicht ist stabil, obwohl das neue für alle besser wäre. Gelingen kann der Wechsel nur koordiniert: mit einem sichtbaren Stichtag («ab Montag läuft alles über die neue App»), ausgerufen von jemandem, dessen Ansage die Erwartungen aller bündelt – ein bewusst gesetzter Focal Point. Sobald genug Mitschüler drüben sind, kippt der Rest von selbst nach.

2 · In Tarifkonflikten wirken beide Seiten manchmal geradezu absichtlich stur und unberechenbar. Warum kann es im Chicken Game rational sein, «verrückt» zu erscheinen?

Im Chicken Game gewinnt, wessen Härte der Gegner glaubt. Wer als berechenbar-vernünftig gilt, von dem erwartet man das rationale Ausweichen, und deshalb kann man ihn ausreizen. Wer dagegen glaubhaft macht, notfalls auch den Crash in Kauf zu nehmen («der ist zu allem fähig»), zwingt die Gegenseite zum Nachgeben. Der Ruf der Unberechenbarkeit ist hier ein strategisches Gut. Wie man solche Glaubwürdigkeit systematisch aufbaut (und was daran gefährlich ist), zeigt Modul 8.

3 · Nenne einen Focal Point aus deinem eigenen Alltag: eine Lösung, auf die sich alle einigen, ohne dass es je abgesprochen wurde.

Beispiele: der «Stammplatz» der Klasse im Schulzimmer oder in der Mensa (niemand hat ihn je verteilt), der Treffpunkt «unter der grossen Uhr» am Bahnhof, «man antwortet im Gruppenchat statt einzeln», Rechtsstehen auf der Rolltreppe. Entscheidend ist das Muster: mehrere gleichwertige Möglichkeiten, keine Absprache, und trotzdem landen alle bei derselben, weil jeder erwartet, dass die anderen genau das erwarten.

Das nimmst du mit

  • Vier Archetypen: Dilemma (dominant, aber schlecht), Anti-Koordination (bloss nicht dasselbe), Koordination (unbedingt dasselbe), Nullsumme (dein Gewinn = mein Verlust).
  • Chicken Game: zwei asymmetrische Gleichgewichte. Glaubwürdigkeit entscheidet, wer nachgibt.
  • Reine Koordination: gleichwertige Gleichgewichte; Konventionen und Focal Points lösen das Abstimmungsproblem.
  • Kampf der Geschlechter: Koordination plus Verteilungskonflikt. Man will zusammenkommen, aber jeder zu seinen Bedingungen.
  • Bei mehreren Gleichgewichten entscheiden Erwartungen, nicht Formeln.

Zum Weiterlesen & Anschauen

  • Thomas Schelling, «The Strategy of Conflict» (englisch) – das Buch, das Focal Points erfand: der Klassiker hinter diesem ganzen Modul.
  • Film «Thirteen Days» (2000) – die Kubakrise aus Sicht des Weissen Hauses: die Fallstudie dieses Moduls als packender Politthriller.
  • Film «WarGames» (1983) – ein Computer lernt am Tic-Tac-Toe, was Nullsummenspiele und nukleares Chicken gemeinsam haben: «The only winning move is not to play.»